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R-02 Copilot & Adoption

Copilot Managed Runtime: Governance für Vibe-Coded Apps

7.10.20269 MinutenDunkel · UmsetzungTeilen
Ferdi Lethen-Oellers neben dem Titel „Copilot Managed Runtime: Governance für Vibe-Coded Apps“

Seit dem 25. September kann in deinem Tenant jeder Apps bauen, der Copilot Studio öffnen darf. Ohne Ticket, ohne Freigabe, ohne eine Zeile Code. Der Schalter dafür steht ab Werk auf An.

Was das in der Praxis heißt, habe ich letzte Woche bei einem Kunden im Ruhrgebiet erlebt. Wöchentlicher IT-Jour-Fixe, der Controlling-Leiter erwähnt ganz nebenbei, dass er sich „da so ein kleines Tool” gebaut hat. Eine App, die seinem Team jeden Montag die aktuellen Umsatzzahlen direkt aus dem Controlling-System aufbereitet. Gebaut in Copilot Studio, nur per Prompt. Selbst geschrieben hat er keine einzige Zeile Code.

Die IT-Leiterin neben mir wurde kurz blass. Sie wusste von nichts. Da lief eine App mit Zugriff auf Finanzdaten, geteilt mit seinem Team, und niemand in der IT hatte sie je gesehen.

Jetzt die gute Nachricht, und die meine ich ernst: Die App lag nicht auf irgendeinem privaten Rechner. Sie lief in der Copilot Managed Runtime, also im eigenen Tenant, und stand die ganze Zeit im M365 Admin Center. Die schlechte Nachricht: Da hatte noch keiner reingeschaut.

Und wie kam die App überhaupt ans Controlling-System, wenn ab Werk nur Microsoft-Konnektoren erlaubt sind? Weil im Tenant noch alte Power-Platform-Umgebungen ohne Connector Policy hingen. Ohne Policy ist eben auch nichts verboten.

Genau darum geht es hier. Die Runtime holt Vibe-Coded Apps aus dem Schatten. Steuern musst du sie trotzdem selbst.

Was die Managed Runtime tatsächlich ändert

Vibe Coding heißt: Du beschreibst in natürlicher Sprache, was die App tun soll, und die KI schreibt den Code. Bisher ging es danach meistens so weiter: Der Business-User exportiert den Code und hostet ihn irgendwo, mal im Azure App Service, mal auf einem privaten Rechner. Ab dann war die IT blind. Niemand wusste, welche Datenquellen angebunden sind, keine DLP-Regel hat gegriffen und Compliance-Doku gab es auch keine. Aus DSGVO-Sicht ein Albtraum, weil der ganze Datenfluss unter dem Radar läuft.

Mit der Copilot Managed Runtime bleiben Code und Ausführung im Tenant. Sie besteht aus zwei Teilen:

  • Host: stellt die Laufzeitumgebung innerhalb der M365-Tenant-Grenze.
  • SDK und CLI: die npm-Pakete @microsoft/managed-apps und @microsoft/managed-apps-cli mit dem Befehl ms, für alle, die code-first arbeiten.

Zur Runtime führen mehrere Wege: Copilot Studio (standardmäßig an, der Weg unseres Controllers), Copilot Cowork als chatbasierter App-Builder (aktuell nur im Frontier-Programm), Copilot Code und die CLI (standardmäßig aus). Inzwischen öffnet Microsoft die Runtime per SDK auch für externe Builder-Tools, Lovable ist der erste genannte Partner. Gebaut wird also überall, ausgeführt an einem Ort.

Endnutzer finden die fertigen Apps in einem eigenen Web-Portal. Du verwaltest alles im M365 Admin Center unter Apps, inklusive Inventar, Nutzungszahlen und Health-Monitoring mit Alerts. Jede App authentifiziert über Entra ID. Conditional Access, DLP, Advanced Connector Policies und Sharing-Limits greifen automatisch. Ab Werk dürfen Apps nur 18 Microsoft-eigene Konnektoren nutzen, die ausschließlich über Entra ID authentifizieren. Selbst dort blockiert Microsoft die Hintertüren: Offene „Send an HTTP request”-Aktionen oder „Run script” sind standardmäßig gesperrt.

Microsoft hat den Launch-Post „Build where you want, run with confidence” genannt. Das ist ausnahmsweise mehr als ein Slogan. Die Runtime schließt eine echte strukturelle Lücke, die Schatten-KI in den letzten zwei Jahren aufgerissen hat.

Wo der Kaffee bitter wird

Jetzt der ehrliche Teil, den meine Kunden auch so von mir hören.

Erstens: Preview ist Preview. Die Doku trägt den Stempel „prerelease, subject to change”, es gelten die ergänzenden Nutzungsbedingungen für Previews. Eine SLA-Zusage für den Produktivbetrieb gibt es nicht. Wichtige Bausteine wie serverseitige Logik und die eingebaute Datenbank fehlen in der Public Preview noch komplett. Ein Verbot für den Produktivbetrieb ist das nicht. Eine Einladung aber auch nicht.

Zweitens: Sichtbarkeit ist noch keine Governance. Für mich der wichtigste Punkt. Im Admin Center siehst du unter „Data & tools”, welche Konnektoren, Datenquellen und Abhängigkeiten eine App nutzt. Exakte Zielendpunkte, dynamisch aufgelöste Adressen, tatsächlich ausgeführte Aktionen oder die Berechtigungen pro User siehst du dort nicht, das schreibt Microsoft selbst so in die FAQ. Noch ein Haken: Das Admin Center zeigt dir die Allow-Liste der Advanced Connector Policy, aber nicht zwingend die Einschränkungen aus klassischen DLP-Policies. Und wenn du einem User den App-Zugriff entziehst, behält er trotzdem seine Rechte auf die Daten dahinter.

ESPRESSO-MOMENT

Du hast endlich einen Tresen, an dem alles serviert wird. In jede Tasse schauen kannst du trotzdem nicht.

Drittens: Der Owner geht, die App bleibt. Jede App entsteht in der persönlichen Entwicklerumgebung ihres Erstellers. Was passiert, wenn der Controller das Unternehmen verlässt? Wer wird neuer Owner, wer wartet die App? Für diesen ganz alltäglichen Fall habe ich in der öffentlichen Doku keinen Prozess zur Owner-Übertragung gefunden. Blockieren und löschen kannst du als Admin, mehr nicht. Diese Lücke musst du selbst schließen.

Viertens: Die Rechnung kommt pro Nutzer. Bauen in Copilot Studio kostet Copilot Credits, und zwar ab dem ersten Prompt, nicht erst nach dem Veröffentlichen. Ausführen kostet ebenfalls Credits, abgerechnet pro Nutzer, außer jemand hat eine Power Apps Premium Lizenz. In der Preview bekommen Nutzer ohne Credit-Abdeckung erst eine Warnung, nach 20 App-Aktionen oder fünf Minuten ist Schluss. Wenn das Controlling-Team am Montagmorgen die App öffnet und nach fünf Minuten nichts mehr geht, landet das Ticket bei dir. Nicht beim Controller.

Was du jetzt konkret tun musst

Die Managed Runtime gibt dir den Ort. Was du daraus machst, ist deine Aufgabe. Sieben Schritte, mit denen du die Runtime vom ersten Tag an im Griff hast.

Inventar machenPrüfe im M365 Admin Center unter M365 Admin Center > Apps > Overview > Set up app creation spaces, welche Erstellungswege aktiv sind. Copilot Studio ist standardmäßig an, die CLI aus (freischalten über eine Environment-Group-Regel im Power Platform Admin Center), Cowork hängt am Frontier-Onboarding. Unter Apps > All apps siehst du dann, wer schon gebaut hat.
ACHTUNG

Schon der erste Besuch der Managed-Runtime-Verwaltung initialisiert die Governance. Ab dann kannst du eine bestehende „Everyone”-Catch-All-Routingregel nicht mehr löschen oder ändern, und das Environment Routing für die Runtime ist dauerhaft. Wenn ihr in der Power Platform schon Routing-Regeln habt: Sprich dich vorher mit deinem Power-Platform-Admin ab.

Bauen und Teilen über Gruppen regelnStandardmäßig darf jeder berechtigte User in Copilot Studio Apps bauen. Per PowerShell oder API schränkst du das auf eine Entra-ID-Sicherheitsgruppe ein. Wie breit Apps geteilt werden dürfen (ganze Organisation, Gäste), legst du in der Environment Group fest. Und bilde die Admin-Rollen sauber in deinem Rollenkonzept ab: Global Administrator und Power Platform Administrator dürfen ändern, Global Reader, AI Administrator und AI Reader nur lesen.
Den Weg in die Abteilung definierenDie persönliche Sandbox bekommt jeder Ersteller geschenkt, als Managed Environment. Den Schritt von „meine App” zu „App für die ganze Abteilung” regelt Microsoft nicht für dich. Lege fest, ab wann eine App ein Review braucht, bevor sie breit geteilt wird. Sonst geht die nächste Finanz-App direkt produktiv, ohne dass irgendjemand draufgeschaut hat.
Connector-Policy festlegenBestehende Advanced Connector Policies und DLP-Policies aus der Power Platform gelten auch hier, im Mischbetrieb gewinnt die strengste Regel. Nutze das, statt bei null anzufangen. Prüfe die effektive Wirkung im Power Platform Admin Center, weil das M365 Admin Center dir nicht das ganze Bild zeigt. Und überleg dir gut, ob du die von Microsoft kuratierte Liste übernimmst: Ab dann kommen keine automatischen Updates mehr.
Kosten klären, bevor es knalltLege unter Copilot > Cost management eine Spending Policy für den App-Betrieb an und kläre, welche Nutzer abgedeckt sind. Sonst stoppt die App mitten im Montags-Meeting.
Eigenen Lifecycle-Prozess bauenDazu gehören Owner-Dokumentation, eine Vertretung pro App, feste Review-Zyklen und ein klares Abschalt-Kriterium für verwaiste Apps. Gerade weil Microsoft hier noch nichts Fertiges liefert.
Mit den Business-Usern redenVielleicht der wichtigste Punkt. Sag ihnen, was jetzt offiziell erlaubt und unterstützt ist. Dann bauen sie mit dir zusammen und nicht mehr heimlich am Montagmorgen vor dem Jour-Fixe.

Was bleibt

FAZIT · FERDI-STYLE

Die Managed Runtime holt Vibe-Coded Apps aus dem Schatten zurück in den Tenant. Das ist ein echter Fortschritt. Sie gibt dir Sichtbarkeit, aber keine fertige Governance. Rollen, Freigabewege, Kosten und Lifecycle musst du selbst aufsetzen, und zwar jetzt, solange die Zahl der Apps noch überschaubar ist.

ESPRESSO-MOMENT

Die Managed Runtime nimmt dir die Verantwortung nicht ab. Sie gibt dir nur endlich einen Ort, an dem du sie wahrnehmen kannst. Die Kaffeemaschine steht jetzt im Serverraum statt im Homeoffice des Praktikanten: Du siehst, wer wie viele Bohnen verbraucht. Ob es die richtige Sorte ist, musst du weiter selbst probieren.

DAS NIMMST DU MIT
  • Prüf unter Apps und Overview, welche Erstellungswege aktiv sind, und schau dir das Inventar an. Kläre vorher, was die Initialisierung mit euren Routing-Regeln macht.
  • Schränk das Bauen über Entra-ID-Sicherheitsgruppen ein und regle das Teilen in der Environment Group.
  • Definier einen Review-Schritt, bevor eine App von der persönlichen Sandbox in die Abteilung geht.
  • Nutz deine bestehenden DLP- und Connector-Policies und prüf die effektive Wirkung im Power Platform Admin Center.
  • Leg eine Spending Policy für den App-Betrieb an, bevor die ersten Nutzer ausgesperrt werden.
  • Bau einen eigenen Lifecycle-Prozess mit Owner, Vertretung, Review-Zyklus und Abschalt-Kriterium, und erklär den Business-Usern die neuen Regeln, statt nur zu verbieten.

Experimentierst du schon mit der Managed Runtime oder hast du ähnliche Schatten-KI-Fälle in deinem Tenant gefunden? Schreib mir auf LinkedIn. Mich interessiert, welche Governance-Lücken ihr in der Praxis zuerst entdeckt habt.

#EspressoM365Fusion

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Ferdi Lethen-Oellers
Ferdi Lethen-Oellers

Senior Modern Workplace Consultant bei der amexus, Microsoft MVP, Autor von „Microsoft 365 Administration für Dummies“.